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Scham

  • Autorenbild: brigit
    brigit
  • 5. März
  • 4 Min. Lesezeit


Scham ist eine wichtige und grundsätzlich gesunde Emotion. Sie sichert unser soziales Zusammenleben, indem sie unser Verhalten reguliert. Als soziale Emotion hilft sie uns, Grenzen zu erkennen und uns so zu verhalten, dass wir nicht durch „Fehlverhalten“ aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

Eine gesunde Entwicklung von Scham fördert unsere Fähigkeit, tragfähige Beziehungen einzugehen und uns sicher in sozialen Kontexten zu bewegen.


Schamentwicklung

Scham entsteht relativ früh – etwa ab dem 14. Lebensmonat. Davor ist dieser Affekt nicht zu beobachten.

Im ersten Lebensjahr sind rund 90 % der Kommunikation zwischen Bezugsperson und Säugling positiv und unterstützend. Zwischen dem 11. und 17. Monat verändert sich dies grundlegend. Untersuchungen zeigen, dass Eltern in dieser Phase im Durchschnitt etwa alle neun Minuten ein Verbot aussprechen oder tadeln.

Diese Veränderung ist entwicklungsbedingt: Das Kind beginnt, sich eigenständig fortzubewegen, seine Umwelt aktiv zu erforschen und Neues auszuprobieren. Um Gefährdungen zu vermeiden, muss sein Verhalten nun häufiger begrenzt werden. Mit der wachsenden Vielfalt an Verhaltensweisen werden einige davon von Erwachsenen als unangemessen, störend oder gefährlich erlebt. Da Babys mit einem noch unreifen Nervensystem geboren werden, sind sie im ersten Lebensjahr vollständig darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen ihre Erregungszustände regulieren.

Im zweiten Lebensjahr erlebt das Kind jedoch eine neue Dynamik: Es entdeckt selbstständig seine Umgebung, ist dabei freudig und aufgeregt. Wenn es beispielsweise herausfindet, dass man eine Tischdecke vom Tisch ziehen kann, schaut es voller Stolz zu den Eltern – in Erwartung einer positiven Spiegelung. Bisher hat es gelernt: Meine Freude wird geteilt. Stattdessen trifft es plötzlich auf ein Gesicht, das Missbilligung, Ärger oder Ekel ausdrückt. In diesem Moment entsteht eine Unterbrechung der Bindung. Das Kind „fällt“ gewissermaßen in ein energetisches Loch: Es senkt den Kopf, wird bewegungslos, bricht den Blickkontakt ab und stellt seine Aktivität ein. Es zieht sich zurück und verliert vorübergehend das Interesse an seiner Umwelt.

Dieser Zustand ist Scham.

Ein Kleinkind kann diesen inneren Zustand nicht selbst regulieren. Es ist deshalb entscheidend, dass die Bezugsperson zeitnah hilft, die Verbindung wieder herzustellen. Häufig sucht das Kind von sich aus erneut Blickkontakt, streckt die Arme aus und signalisiert: „Halte mich.“ Durch körperliche Nähe und emotionale Zuwendung kann es sich beruhigen und in einen angenehmen Erregungs-zustand zurückkehren.

Scham ist für kleine Kinder so intensiv und verletzend, dass Dauer und Intensität unbedingt begrenzt werden müssen. Unregulierte Scham ist für sie toxisch. Erst durch die Erfahrung, dass nach Stress und Kontaktunterbrechung wieder Verbindung, Regulation und Erholung möglich sind, lernt das Kind Resilienz. Körperlicher Kontakt unterbricht kurzfristig die Stressreaktion und stärkt langfristig die seelische Widerstandskraft.

Funktionen von Scham

Scham

  • reguliert unerwünschte Affekte und Verhaltensweisen

  • begrenzt und steuert exploratives Verhalten

  • trägt zur Formung des kindlichen Selbst bei

  • hat einen hohen Sozialisationseffekt

  • unterstützt die sozioemotionale Entwicklung

  • begrenzt Selbstbezogenheit und Egoismus

  • vermittelt: „Ich bin wichtig – aber nicht wichtiger als andere.“



Toxische Scham

Wird Scham nicht durch die Bezugsperson reguliert, unterstützt sie nicht mehr die Reifung des Selbst, sondern behindert sie. Es entsteht toxische Scham. Diese kann langfristig zu erheblichen Schwierigkeiten in der Affekt- und Impulsregulation führen und im Extremfall die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen begünstigen.


Besonders problematisch ist es, wenn eine Bezugsperson mit Wut, Verachtung oder narzisstischer Kränkung reagiert und dem Kind nicht hilft, den Zustand der Beschämung aufzulösen. Bleibt das Kind in diesem Zustand allein oder wird weiter beschämt, speichert es emotionale Bedürfnisse als inakzeptabel und beschämend ab.


Dauerhaft nicht aufgelöste Scham kann zu einer inneren Lösung von Bindung führen. Um die eigene Würde zu schützen, entscheidet sich das Kind häufig für scheinbare Autonomie: Es lehnt seine Bedürftigkeit ab und zieht sich aus Beziehung zurück.


Insbesondere bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen findet sich häufig eine Geschichte andauernder Demütigung und massiver, nicht regulierter Scham.

Toxische Scham wirkt lebenshemmend.

Sie flüstert im Inneren:

„Ich bin falsch.“

„Ich bin nicht gut genug.“

„Mit mir stimmt etwas nicht.“


Sie ist zerstörerisch für das Selbstgefühl. Tatsächlich ist Scham die einzige Emotion, die das Ich-Gefühl grundlegend erschüttern oder sogar zerstören kann.


Drei Stufen der Scham

  1. Mir ist etwas peinlich.

  2. Ich schäme mich.

  3. Ich möchte im Boden versinken – am liebsten nicht mehr da sein.

 

Umgang mit Scham

Scham ist häufig auch eine konditionierte Reaktion. Sie soll uns davor schützen, etwas „Falsches“ zu tun und bestraft zu werden. Viele Menschen bewegen sich deshalb noch im Erwachsenenalter in einem engen inneren Rahmen und folgen unbewusst den Regeln ihrer Kindheit.


Vier Strategien der Schamabwehr

  • Verleugnung oder Vermeidung

  • Selbstangriff

  • Rückzug

  • Angriff auf andere


Diese Strategien verwandeln das schmerzhafte Schamgefühl oft in Wut, Verachtung oder übermäßige Selbstoptimierung.


Dabei signalisiert Scham ursprünglich, dass soziale Zugehörigkeit gefährdet ist – sie will schützen, nicht schaden. Deshalb sollte sie nicht verdrängt, sondern als Hinweis auf innere Verletzungen oder unerfüllte Bedürfnisse verstanden werden.

Ein hilfreicher Ansatz im Umgang mit Scham ist Selbstmitgefühl. Es bedeutet, sich selbst mit Verständnis statt mit Härte zu begegnen. So kann die innere Abwärtsspirale unterbrochen werden. Scham ist veränderbar.


In gesunder Dosierung wirkt Scham wie ein innerer Kompass: Sie weist den Weg zu einem respektvollen Miteinander. Im Übermass jedoch wird sie zur schweren Last.


Scham kann sich verringern – manchmal sogar auflösen –, wenn Menschen beginnen, ihre Geschichte an sicheren Orten zu erzählen, ohne erneut beschämt zu werden. Dort, wo Verständnis und Mitgefühl möglich sind, verliert toxische Scham ihre Macht.

 

 
 
 

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Brigit Leicht | Gewerbestrasse 12 | 8132 Egg bei Zürich | Schweiz | brigit@brigit.ch

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